Hilfsnavigation

Schatten links
Schatten rechts

„Nie wieder Krieg!“ als Aufgabe einer Gemeinde?
Ein Projekt in Kaufungen

Die 1959 eingerichtete Gedenkstätte vor der Niederkaufunger Kirche mit dem Mahnmal für die Toten des II. Weltkriegs, dem Denkmal für die Gefallenen des I. Weltkriegs und der Friedenseiche von 1871 (Zustand 2012)Mit der Arbeit am Frieden, so ist man geneigt zu denken, beschäftigen sich Bundespräsidenten in ihren Reden oder Außenminister in zwischenstaatlichen  Verhandlungen… Was hat das mit Kommunalpolitik zu tun? Der Blick auf den Jubel aber, mit dem unsere Urgroßeltern vor hundert Jahren in den Krieg zogen oder die Tatsache, dass die ukrainischen Nachbarn heute plötzlich einander tödliche Feinde sind, belehrt uns schnell eines Besseren. Frieden ist eben nicht allein Sache der Regierungen, er ist nicht einfach da, er muss gehalten und immer wieder neu erarbeitet werden. Friedensfähigkeit zeigt sich zuerst in der Familie, unter Nachbarn, in der Gemeinde.

„Feiern, Erinnern und Vorausschauen“ war die Intention des vielfältigen bürgerschaftlichen Engagements im Umfeld des 1000-jährigen Ortsjubiläums in 2011. Die zahlreichen zugehörigen Veranstaltungen und Aktivitäten haben das Miteinander in und die Identifikation mit unserer Gemeinde nachhaltig gestärkt. Der Blick in die Vergangenheit, um für Gegenwart und Zukunft aus jener etwas ‚mitzunehmen‘, war ausdrücklich erwünscht. „Wir gehen kritisch mit unserer Geschichte um und wissen, das unsere Vorfahren weitgehend nicht – wie wir heute – in einer freien demokratischen Gesellschaft lebten […] Wir gedenken der Schrecken, Gräuel und Verbrechen während der Zeit des Nationalsozialismus […]“, hieß es in der Ansprache zum Festakt der Tausendjahrfeier.
Kriegerdenkmal OberkaufungenDie Arbeitsgruppe, die das Konzept der neuen Ortschronik entwickelt hat, beschloss, dass Krieg und Gewaltherrschaft nicht ausgespart werden sollen. Ihre Forschungen bereichern heute unsere Kenntnisse der eigenen Ortsgeschichte . Das Regionalmuseum erarbeitete unter Mithilfe einer ganzen Reihe älterer Kaufunger/innen die Sonderausstellung „Krieg im Dorfleben – Dorfleben im Krieg“ (2012-14)  als zweiten Teil der Jubiläumsausstellung zur Kaufunger Ortsgeschichte. Zeugnisse aus dem Gemeindeleben sollten den Zusammenhang zwischen Militarismus, Rassismus, Nationalismus einerseits und dem dörflichen Alltag in Kriegszeiten andererseits aufzeigen. Interviews wurden geführt und an die hundert Erinnerungsstücke zusammengetragen.  Die Kriegskindergeneration sah ihre (oft schmerzliche) Ausstellungsmitarbeit ausdrücklich als Engagement für den Frieden: Man wollte Erfahrungen weitergeben, um Wiederholung zu verhindern.

Das friedenspädagogische Erinnerungsprojekt zum „Krieg im Dorfleben“ zog weiteres Engagement nach sich, denn schnell wurde klar, dass mit dem Verschwinden der Generation der befragbaren Zeitzeugen, das Lernen aus der Geschichte im Lebensumfeld der Gemeinde immer schwieriger werden würde. So rückten auch in Kaufungen die materiellen Zeugnisse von Militarismus und Kriegsfolgen, die Erinnerungsstücke aus den Privathaushalten, die öffentlichen Denkmäler in den Blick. Einige aussagekräftiger Exponate wurden dem Regionalmuseum aus Anlass der Ausstellung geschenkt – u. a. Holzgewehr und Volksempfänger, Feldpost und Todesnachricht  –, damit sie im öffentlichen Gedächtnis Kaufungens erhalten bleiben.
Zurzeit ist ein Kataster der Kriegserinnerungsmale der Gemeinde im Entstehen. Als politische Kunst im öffentlichen Raum sind Namenstafeln in den Kirchen, Kriegerdenkmäler, Mahnmale und Kriegsgräberstätten Zeugnisse unterschiedlichen gesellschaftlichen Umgangs mit Militarismus, Krieg und Kriegsfolgen im Dorf. Zugleich sind sie Dokumente tiefer Einschnitte in der eigenen Ortsgeschichte, der Traumatisierung, des Verlusts und der                         Einweihung_des_Denkmals_für_den_Deutsch-französischen_Krieg_1870-71_in_Oberkaufungen,_1874       Trauer über Kinder, Eltern, Freunde, Nachbarn, mit denen man das Leben nicht mehr teilen konnte. Ihren Wert als Zeitzeugen für die friedenspolitische Arbeit der Gegenwart erkennt man – wie anderenorts – inzwischen auch in Kaufungen. 
In kleinen Ausstellungen im Rathausfoyer wurden die Kriegserinnerungsmale und ihre politische Geschichte 2013/14 der Ortsöffentlichkeit vorgestellt. Die Gemeinde Kaufungen nimmt nun den Beginn des I. Weltkrieges vor hundert Jahren zum Anlass, ein Friedensprojekt zu initiieren, das die Bürger unseres Ortes weiter zusammenwachsen lässt.
In den nächsten vier Jahren sollen Ausstellungen zu den Verfolgten in den Kaufunger Dörfern, zur Flüchtlingsansiedlung und zum Kalten Krieg in Kaufungen und zur Kaufunger Friedensbewegung folgen. Wir wünschen uns wieder eine rege Beteiligung Ortsansässiger: Unterstützung durch Informationen, Fotos und Objekte.

Schon in den 1980er Jahren haben sich Gemeindemitglieder gegen die Aufrüstung wie gegen die überkommenen Rituale des Heldengedenkens gewehrt. Was könnte man aus ihren Erfahrungen heute lernen? Und: wie sieht gegenwärtig das lokale Engagement für ein friedliches Zusammenleben aus? Vieles lässt sich hier zusammentragen: internationaler Schüleraustausch, Gemeindepartnerschaften und daraus entstandene Freundschaften, Vereinspatenschaften und kirchliche Hilfsprojekte, intergenerationeller Austausch oder auch Gewaltprävention in Kindergärten, Schulen und Vereinen, Initiativen wie ‚Kaufungen gestaltet Zukunft‘ oder ‚Bildungslandschaft Kaufungen‘…

Einbringung des Namensbuches für die Oberkaufunger Toten des II. Weltkriegs in die Gedenkstätte im Bürgerhaus Kaufungerwald, 1963Die einschlägige Ortsgeschichte kritisch anzueignen, historische Gegenstände, Gebäude, Orte unter friedenspädagogischem Aspekt zu betrachten sowie die heutigen Initiativen gegenseitig bekannter zu machen und sie miteinander zu vernetzen, sind die Ziele des  Kaufunger Projektes.
Es mag daraus ein friedenspädagogischer Pfad entstehen, der als modernes, zeitgemäßes Friedensdenkmal das Thema in der Ortsöffentlichkeit sichtbar hält.
In unserer Demokratie trägt nicht nur jede/r Bürger/in Verantwortung dafür, dass und wie deutsche Soldaten in Krisengebiete geschickt oder Rüstungsmaterialien exportiert werden. Jeder und Jede trägt auch Verantwortung dafür, das alltägliche Miteinander im eigenen Umfeld friedlich und demokratisch zu gestalten. Erinnerungen, Erfahrungen, Umgangsweisen und auch Utopien lassen sich (mit)teilen, so können wir in unserer Gemeinde voneinander lernen.