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12.12.2025

"Ohne Robustheit wird es nicht gehen" - Vortrag für Demokratieretter

In der Begegnungsstätte gab es am 9. Dezember einen spannenden Vortrags- und Diskussionsabend: Der Autor und Journalist Jürgen Wiebicke stellte sein aktuellstes Buch „Erste Hilfe für Demokratie-Retter“ vor. Er betrachtet darin den Zustand unserer Demokratie und der offenen Gesellschaft, die, wie er findet, verteidigt werden müssen gegen immer radikaler werdende rechtspopulistische Kräfte. Doch wie kann man, im eigenen Alltag und abseits von Wahlkabine und Großdemonstrationen, etwas für eine aktive Zivilgesellschaft tun? Wie andere dazu ermutigen? Und warum ist das überhaupt so wichtig?

Jürgen Wiebicke sprach über schwere Themen mit einer angenehmen Leichtigkeit, ohne deren Relevanz herabzusetzen. Ganz im Gegenteil: Verständlich und auf den Punkt gebracht wurden einige große gesellschaftliche Fragen unserer Zeit besprochen, zum Beispiel: Was macht den Menschen menschlich? Warum ist es wichtig, sich für eine funktionierende Demokratie einzusetzen?
Der Vortrag mit anschließender Diskussion, gemeinsam mit Bürgermeister Arnim Roß, fand im Rahmen der Reihe „Demokratie stärken – Vielfalt leben“ der Koordinierungsstelle „Engagiert in Kaufungen“ statt.

„Demokratie ist keine Verfassungsform, die einfach so da ist – man muss dafür arbeiten“, sagte Bürgermeister Arnim Roß in seiner Einführung. „Wenn man entsprechende Beteiligungsmöglichkeiten schafft, wird Demokratie auch gelebt und die Menschen identifizieren sich damit.“ Dies ist auch der Grund dafür, dass bei der Gemeindeverwaltung in Kaufungen vor zwei Jahren eine Stelle für BürgerInnenbeteiligung eingerichtet wurde. Die Stelleninhaberin Katharina Reinhold organisierte und moderierte diesen Abend.

Jürgen Wiebicke begann seinen Vortrag mit einer Anekdote, die eindrücklich zeigte, dass gute Ideen oft als Resultat zwangsloser Geselligkeit entstehen: In einem kleinen Dorf im Spessart wurde nach vielen Jahren die einzige Bäckerei geschlossen, es hatte sich kein Nachfolger gefunden. Bei dem nächsten Dorffest wurde darüber natürlich ausführlich gesprochen – denn die Bäckerei war viel mehr als nur das, sie war vor allem ein wichtiger Kontaktpunkt in dem kleinen Ort. In geselliger Runde entstand eine Idee: Warum nicht selbst machen? Diese Idee entwickelte sich schließlich immer weiter und es wurde eine Dorfgenossenschaft gegründet, die bis heute besteht und das Dorfleben aktiv gestaltet. Wiebicke zog das Fazit: „Es ist also wichtig, Orte der Begegnung zu schaffen, so wie ebenjenes Dorffest.“

Es bräuchte Anlässe, in denen man ohne Bedenken miteinander sprechen könne und aus seiner eigenen Blase herauskäme, so Wiebicke weiter. „Die Ungleichheiten der Menschen, der Dissens – das schärft auch das Urteilsvermögen. Streit ist elementar für die Demokratie“, findet Wiebicke. Die aktuelle Streitkultur sei eng geworden, klein und sogar spießig, sagte er weiter. „Die Menschen nehmen lieber eine bequeme Haltung ein und verfallen schlimmstenfalls in Fatalismus und geben die Hoffnung auf eine Besserung der Umstände einfach auf.“ Dabei liege es in unseren eigenen Händen, wie es sei und wie es noch werde. Müssen wir mehr andere Meinungen aushalten lernen? Dazu sagte Wiebicke klar: „Ja! Ohne Robustheit wird es nicht gehen, schließlich wollen wir gegen radikale Kräfte angehen, die unsere Demokratie bedrohen.“

Es sei im Großen und Ganzen fast egal, wofür man sich zivilgesellschaftlich engagiere, fand Wiebicke. „Hauptsache, man ist vernetzt und Teil einer Gemeinschaft. Wenn man sich für das Gemeinwohl einsetzt, trägt man aktiv etwas zur Gesellschaft bei und formt sie mit. So gelingt die Abkehr von der Ohnmacht hin zur Macht.“
Eine gewisse Ohnmacht verbunden mit Weltschmerz angesichts weltpolitischer Geschehnisse kennen wir vermutlich alle. Wiebickes Rezept dagegen: „Wer was macht, hat die Macht.“ Am besten solle man damit im eigenen Alltag anfangen. Denn klar sei, dass niemand, der sich lokal engagiere, damit einen Krieg beenden könne, sagte Wiebicke. Das sei auch nicht der Anspruch. Es gehe auch darum, was den Menschen eigentlich zum Menschen mache. Laut Wiebicke sei dies vor allem das Bestreben, in der Welt Spuren zu hinterlassen.

Als eine große Inspiration für seine Gedanken zu einer gelingenden Demokratie nannte Wiebicke die politische Theoretikerin Hannah Arendt. Laut Arendt bleiben Menschen, die sich ausschließlich auf die Aspekte Arbeit und Konsum bzw. Privatleben konzentrieren im Bereich der Notwendigkeit. Wenn man sich allerdings für das Gemeinwesen einsetze, kämen andere Aspekte der eigenen Persönlichkeit zum Tragen: Laut Arendt liege im Handeln die eigentliche Freiheit des Menschen. Wiebicke stimmte dem zu und sagte: „Wir müssen wegkommen vom Grübeln und hin zum Handeln.“

In der Kunigundengemeinde wird gehandelt: Ob mit dem gemeindeeigenen Förderprogramm „Mach‘s Möglich“, mit dem in diesem Jahr acht Projekte finanziert wurden, die die Nachbarschaft näher zusammenbrachten, der Organisation der Stiftsweihnacht oder dem Verein Dorfleben Kaufungen e.V., der ausschließlich auf zivilgesellschaftlichem Engagement beruht, um nur einige Initiativen des hohen bürgerschaftlichen Engagements zu nennen.

Am Ende des Abends mit Jürgen Wiebicke fühlte man sich seltsam ernüchtert und hoffnungsvoll zugleich. Denn ein Schlüsselsatz, den er immer wiederholte, war: „Wenige können viel bewirken.“ Doch dafür muss man eben auch handeln.